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Charlotte Maier

 Jahrgang 1975 

 

Lebt in Zürich.

Beruf: Konservatorin-Restauratorin, früher Kindergärtnerin.

Ständiges Mitglied der Autorengruppe Ohrenhöhe von 1997 - 2011 und nach einem Studienunterbruch wieder seit 2019.

Veröffentlichungen in verschiedenen Literaturzeitschriften, diverse

Lesungen im Raum Ostschweiz sowie Teilnahme an Schreibwochenenden.
Das Reh

 

Es gibt ein Reh, das legt sich immer wieder auf dieselbe Landstrasse und stellt sich tot. Wenn ich mit meinem Datsun auf dieser Strasse fahre, muss ich immer anhalten, um das liegende Reh nicht zu überfahren. So bleibe ich dann ein paar Minuten bei laufendem Motor stehen, bis das Reh quicklebendig aufsteht und davonspringt. Auch schon habe ich den Motor abgestellt, den Warnblinker eingestellt, bin aus meinem Auto ausgestiegen und zu dem Reh hingegangen. Es hat absichtlich die Zunge raushängen lassen und etwas Schaum vor dem Mund vorgetäuscht. Dann ist es davongerannt.

Einmal bin ich zu dem Reh hingegangen und habe „Idioten-Reh“ gesagt, da hat es nach meinem Fuss geschnappt.

Ich überlege mir ernsthaft, ob ich das Reh einfach überfahren soll. Meine Nachbarin Veronique aber sagt: „Ja nicht! Das Reh ist die Wiedergeburt deiner verstorbenen Schwiegermutter.“

Meine Schwiegermutter tyrannisiert mich über ihren Tod hinaus.

Das dauert vielleicht noch bis ins Jahr 2024, denn sie hat damals immer gesagt: An mich wirst du noch bis ins Jahr 2024 denken, mein Bursche.

 

Aus dem Programm "Gedieselt am 4. Fiat"

Tunnelwohnen

 

Tunnelwohnen ist extrem Trend. Sofort wenn ein Zug durchgerast ist, stellen wir unser Sofa auf die Schienen und wohnen ein wenig. Manchmal nur zweieinhalb Minuten oder so, dann muss das Sofa wieder von den Schienen runter, weil der nächste Zug andonnert. Wir müssen zugeben, so richtig gemütlich wird es bei uns nie. Dafür sparen wir das Abo fürs Fitnesscenter.

Ab und zu kommen Reporter an und schreiben über das Tunnelwohnen. Manch einer hat nicht bis zur Veröffentlichung seines Artikels überlebt. Man muss halt schon aufpassen. Und den Bauch einziehen, sich mit dem Rücken an die Tunnelwand drücken, um den vorbeirauschenden Zug abzuwarten. Auch beim Sofatragen darf man nicht schlafen. Nicht jedem Untrainierten gelingt es, schnell genug zu sein. Eher was für junge Leute. Das haben wir ja von Anfang an gesagt.

 

Aus dem Programm "Mach mich nicht wohnsinnig!"

Die unendliche Leichtigkeit des Wanderns

 

Greifen Sie vor jeder Wanderung tief in Ihren Apothekenschrank und besinnen Sie sich auf Heilkräuter, die schon Ihrer Grossmutter geholfen haben: Original Wanderstocium alpinium rectal aus dem Jahre 1905.

 

Als Zäpfchen eingeführt, wirkt es Wunder auf allen mehrtägigen Wanderungen: Keine Blasen, keine Müdigkeit, kein Kälteempfinden, kein Hungergefühl.

Mit Wanderstocium alpinium rectal fühlen Sie sich, als hätte die Wanderung nie stattgefunden.

 

Aus dem Programm "Endstation Edelweiss"

Der Viersprung beim Fussball

 

Der Fifa-Generalsekretär hat den Viersprung beim Fussball wieder einführen wollen. Jeder Spieler sprint vor jedem Ballkontakt viermal in die Luft und zählt laut und deutlich in seiner Landessprache auf 4.

 

Diese Massnahme soll das Spiel entschleunigen, des Zuschauers Auge entlasten, die Hooligans beruhigen und überhaupt zum Weltfrieden und zum allgemeinen Völkerverständnis beitragen.

Sie soll uns alle einander näher bringen, so der Fifa-Generalsekretär, oder können sie schon auf Suaheli auf 4 zählen?

Man weiss nie, wann einem das mal nützlich sein kann.

 

Aus dem Programm "Wem der Kater muskelt"

Verwandlung

Vater und Mutter.

Nie einig, nie vereint, nie eins.

 

Stattdessen:

Schreie,

Streit,

manchmal Schläge.

 

Wann hört das endlich auf?

Wann hört das endlich auf?

 

Der Anfang des Endes und das Ende vom Anfang.

Scheidung.

 

Wir Kinder:

Mal hier.

Mal da.

Üble Worte: Vater hat…, Mutter hat…

 

Wir Kinder: Verängstigt, verschwiegen, verstummt.

 

Dann endlich: Erwachsen. Frei. Eigene Liebe, eigene Kinder.

 

Vater und Mutter sind jetzt Grosseltern.

Vater ist gütig, und immer gütiger, auch mit Mutter.

Mutter lächelt oft.

Vater & Mutter, jetzt Grosseltern.

Versöhnliche Worte, zwischen Abwasch und Kindersocken suchen.

Enkel trösten. Enkel im Kinderwagen ausfahren.

Mutter ist lieb zu Vater.

Streichelt ihm über die Wange.

Er weint.

 

Und ich erst.

2021

Der Bettnässer und der Mann ohne Hund

 

 

Im Wald, gleich beim Eingang rechts, trafen sich der Bettnässer und der Mann ohne Hund.

 

Dem Bettnässer sah man nicht an, dass er ein Bettnässer war, dem Mann ohne Hund sah man hingegen sofort an, dass er keinen Hund hatte.

 

Der Bettnässer ergriff zuerst das Wort und sagte etwas über das Waldsterben. Das Waldsterben war nämlich das Hauptthema des Bettnässers, zumindest tagsüber; nachts war es das Bettnässen.

Der Mann ohne Hund hörte dem Bettnässer aufmerksam zu. Dann sprach der Mann ohne Hund ein wenig über den Hund, den er nicht hatte. Der  Hund, den er nicht hatte, war nämlich das Hauptthema des Mannes ohne Hund.

Wärst Du im Wald dabei gewesen, hättest Du wahrscheinlich gemerkt, dass sich der Bettnässer und der Mann ohne Hund nicht richtig verstanden. Dass sie, je länger das Gespräch dauerte, aneinander vorbei redeten. Wahrscheinlich hättest Du auch bemerkt, wie das Gespräch in eine gefährlich Richtung ging und die Stimmung umschlug, vor allem, als es um den Borkenkäfer und um das Hundefutter aus China ging.

Wärst Du dabei gewesen, Du hättest eingreifen können.

Doch leider warst Du nicht dabei.

Hast den Faustschlag, und dann den Schuss nicht verhindern können.

Hast auch den zweiten Schuss nicht verhindern können. Das ist wirklich tragisch.

Der Bettnässer war sofort tot.

Der Hund auch.

Wo kam der Hund her?

Wo war der Mann ohne Hund?

Vieles blieb offen.

Vieles lag im Dunkeln.

Auch heute noch.

2021