Helen Knöpfel, Flawil

 

 

Jahrgang 1953

 

 

Lebt in Burgau bei Flawil. Bis 2014 Primarlehrerin in Flawil, nun im Ruhestand.

Seit 1997 Mitglied der Autorengruppe Ohrenhöhe,

Mitwirkung bei etlichen szenischen Lesungen.

Das Bad

 

Jeden Freitagabend nehme ich ein Bad.

Um 20.15 Uhr, nach der Tagesschau, lasse ich das Wasser

in die Wanne laufen.

Ich gebe einen Spritzer Fichtennadelduft ins Wasser.

Dann lege ich mich hinein.

Und warte.

Nicht sehr lange.

Dann höre ich im Badezimmer über mir, wie der Nachbar das Wasser in die Wanne einlässt, wie er pinkelt, die Klo-Spülung betätigt

und dann das Gurgeln des Wassers, wenn er in die Wanne steigt.

Etwas Wasser fliesst dann jeweils in den Überfluss.

Der Nachbar liegt ungefähr fünf Minuten ruhig im Wasser.

Ich atme mit ihm.

Ich atme tiefer und fester und tiefer und fester.

Mit dem Nachbarn im oberen Stock.

Ich atme und stöhne dann etwas.

Genau wie mein Nachbar.

Dann seufze ich.

Wie lange es vom tief Atmen bis zum Seufzen geht, weiss ich nicht.

Ich habe noch nie auf die Uhr geschaut.

Dann steige ich mit meinem Nachbarn aus der Wanne und wir gehen wieder getrennte Wege. 

 

Aus dem Programm "Mach mich nicht wohnsinnig!"

Der Wunsch
 

Ich hatte schon immer einen starken Hundewunsch.

Jedem Mann habe ich nach kurzer Zeit gestanden, dass ich gerne einen Hund von ihm hätte.

Einige haben sich dann unmittelbar danach von mir getrennt.

Andere haben sich mit der Trennung noch etwas Zeit gelassen und einer ist mit mir zum Psychiater gegangen.

Der Psychiater war nett.

Er hat gemeint, vielleicht würde ein eigenes Kind den Hundewunsch etwas in den Hintergrund rücken.

Ich habe gemeint, man könne das ja einmal versuchen. Ich habe dann ein Kind gekriegt.

Wie es mir jetzt geht mit dem Kind.

Wie ich vermutet habe.

Ein schwacher Hundeersatz.

 

Aus dem Programm "Komm mit uns nach Spaniel"

2010 - present

2010 - present

Wir haben ein Auto.

 

Einen Fiat.

Der steht bei uns nicht vor dem Haus.

Der wollte rein.

Ganz sicher nicht, hat meine Frau geschrien.

Er ist ja noch so jung, habe ich damals meiner Frau gesagt.

Der fürchtet sich doch so ganz allein draussen in der Nacht.

Der kommt mir nicht rein, hat meine Frau geschrien.

Ganz sicher nicht ins Schlafzimmer, hat meine Frau später geschrien.

Sie hat dem Fiat sehr bald die zweite Hälfte unseres Ehebettes überlassen.

Fast freiwillig.

Ich habe nur ganz wenig nachgeholfen.

Wirklich nicht sehr viel.

Ich habe den Kofferraum geöffnet und meine Frau hinein gelegt,

also etwas hineingedrückt.

Ich habe den Kofferraum geschlossen.

Dann liegst du sozusagen in deinem Bett, habe ich zu meiner Frau gesagt.

Seither habe ich nichts mehr von ihr gehört.

 

Aus dem Programm "Gedieselt am 4. Fiat"

Pädagogisch wertlos

 

Schon früh in der Schule wurde bei mir eine Sportunterbegabung diagnostiziert.

Ich kam in den Genuss einer Laufnachhilfe, Kletterförderung wurde verfügt, zusätzlich eine Wurftherapie.

In der 4. Klasse besuchte ich den Turnunterricht mit den Drittklässlern zusammen.

Das half kurzzeitig.

Die Probleme blieben, und so kam ich auf die Sportheil-Schule

und nachher in eine geschützte Trainingswohngruppe.

 

Dass ich dann auf Randsportarten geraten bin,

nein, dafür sind die Sportlehrer nicht allein verantwortlich.

Aber auch.

 

Aus dem Programm "Wem der Kater muskelt"

Mein Mann und ich waren unterwegs.

 

Mit dem Rucksack.

Wir hatten die Rucksäcke neben uns gestellt.

Mein Mann hatte die Karte ausgebreitet.

Wir sind falsch, sagte mein Mann.

Er studierte die Karte.

Dir fehlt nur etwas Fantasie, sagte ich, wir sind doch auf einem Weg. Oder willst du das abstreiten?

Das ist bestimmt kein Wanderweg, sagte mein Mann.

Vielleicht ein Bergwanderweg, sagte ich.

Bergwanderweg, das gibt es doch gar nicht.

Ich sag ja, dir fehlt nur etwas Fantasie.

Ich schulterte den Rucksack.

Willst du hier bleiben, fragte ich.

Mein Mann faltete die Karte zusammen und verstaute sie im Rucksack.

Wir sind falsch, sagte er.

Ich ging voraus.

Das Gelände wurde immer steiler und felsiger.

Ich hörte meinen Mann hinter mir schwer atmen.

Schau nicht nach unten, sagte ich.

Mein Mann schnaufte.

Er rutschte etwas im Geröll.

Wir sind falsch, hörte ich ihn sagen.

Vielleicht ist das ein Bergwanderweg mit alpinen Gefahren, sagte ich.

Ich blieb stehen.

Siehst du die Tritte, sagte ich und zeigte auf die Felswand vor mir.

Die Felswand war senkrecht.

Bleib mit dem Körper ganz an der Wand. Schaue nicht nach unten.

Wir sind falsch, sagte mein Mann.

Das wird einer der hochalpinen Gebirgswanderwege mit erhöhten Schwierigkeiten sein, sagte ich.

Ich ging voraus.

Wir sprachen nicht mehr.

Wir sprachen nicht mehr, bis wir zurück auf breiten Wegen waren.

Wir sprachen nicht mehr, bis wir in der Bahn zurück zu unserem Auto sassen.

Mein Mann setzte sich hinter das Steuer.

Er gab Gas.

Er überholte einen Lastwagen.

Er überholte ein landwirtschaftliches Fahrzeug.

Er riss das Steuer herum.

Er verlor die Kontrolle.

Er überlebte den Unfall nicht.

 

Aus dem Programm "Endstation Edelweiss"

Die Wohnwand
 

Ente Gundula lebte bei uns hinter dem Haus im Teich.

Während der kalten Jahreszeit zog sie zuerst in die Waschküche

und in späteren Jahren zu uns in die Wohnung.

Gundula war uns eine treue Begleiterin.

Ferienziele wählten wir nach Kriterien der Entenverträglichkeit.

Sie gab uns Liebe und Federn für Decken und Kissen und wir ihr

im Gegenzug Chips und Kokosmakarönli.

Gundula wurde fett.

Wir haben sie öfters gewarnt, beim Essen etwas Mass zu halten.

Aber nein, Gundula frass gierig aus unserer Hand.

Dann, in den letzten Ferien, wir waren an einem See, watschelte Gundula zum Wasser.

Watschelte ins Wasser.

Gundula sackte im Wasser etwas ab, nur noch der Schnabel war

zu sehen.

Karl-Heinz rannte ihr nach.

Ein Makrönli in der Hand.

Gundula öffnete den Schnabel, frass das Makarönli und sank.

Gemeinsam haben wir dann Gundula geborgen.

So nass wie sie war, wog sie sicher an die 18 Kilo.

Jetzt steht sie auf der Wohnwand.

Zwischen den gerahmten Familienfotos.

Der Präparator war ein Meister.

Er hat es wunderbar verstanden, den freundlichen und ehrlichen Blick dieses so treuen Tieres für die Ewigkeit einzufangen.

 

Aus dem Programm "Mach mich nicht wohnsinnig!"

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