Eva Philipp, Arbon

 

 

Jahrgang 1965

 

Geboren und aufgewachsen in Wien. Lebt seit 1990 in der Ostschweiz.

Chemikerin, Autorin. Getrennt lebend, ein Sohn. 

 

Publikationen:

2003: „Kopftanz“, Gedichte, Verlag Kleine Schritte, D-Trier

2006: „Lasst uns oktopussen!“, Erotische Gedichte, Verlag Steinmeier, D-Nördlingen

 

Mehrere Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien

in Deutschland und in der Schweiz. 

Der Tausch
 

Als sie nach zwei Jahren immer noch nicht schwanger geworden war, holte sie sich Rat bei einem Guru.

„Du musst geben, um zu bekommen“, sagte er.

„Das ist ein himmlisches Gesetz. Wenn du etwas gibst, wirst du etwas anderes dafür erhalten. So wird sich dein Wunsch erfüllen.“

Das leuchtete ihr ein.

Sie spendete für eine Hilfsorganisation und gewann einen Fernseher.

Sie half ehrenamtlich in der Gassenküche aus und gewann eine Flugreise.

Sie ging regelmässig für ihre alte Nachbarin einkaufen und bekam eine neue Polstergruppe geschenkt.

Sie führte den Hund ihrer berufstätigen Freundin aus und erbte

ein Auto.

Das Auto schenkte sie weiter. Dann endlich wurde sie schwanger.

Nach einem Jahr sagte sie: „Wir hätten das Auto behalten sollen.“

 

Aus dem Programm "Gedieselt am 4. Fiat"

Ämtliplan
 

Der Ämtliplan in unserer WG ist genauestens ausgearbeitet. Ausnahmen werden keine gemacht. Wer sein Ämtli erhalten hat, muss sich darum kümmern oder für gleichwertigen Ersatz sorgen.

Manuel ist vor kurzem ausgezogen, weil er es nicht mehr aushielt. Das war, als er nach seinem schweren Motorradunfall im Krankenhaus lag und Carlos ihm die Wäsche zum Bügeln dorthin brachte.

Du wirst schon sehen, wo du endest, Manu, habe ich gesagt, ohne Absprachen und ohne Konsequenz läuft in einer WG gar nichts. Schliesslich hat Isabella noch die Fenster geputzt, als sie schon in

5-Minuten-Abständen Wehen hatte, und selbst ich, Manu. Ich habe im Frühling meinen Malediven-Urlaub unterbrochen, um den Müll rauszutragen. 

 

Aus dem Programm "Mach mich nicht wohnsinnig!"

2010 - present

2010 - present

Schigymnastik
 

Der Höhepunkt unseres Wochenendes ist die Schigymnastik-Sendung am Samstag um halb sechs. Die ganze Familie versammelt sich dann vor dem Bildschirm und wartet auf Toni, einen gut gebauten Mann Mitte dreissig in blau-weisser Trainingshose. Für Toni lässt meine Tochter ihre Verabredung sausen, meine Frau beendet das Kaffee­kränzchen vorzeitig und ich breche die Arbeit an meinen Schiffsmodellen ab, auch wenn es noch so knifflig ist.

Niemand bereitet und besser auf die bevorstehende Schisaison vor als Toni. Wir rücken die Möbel beiseite und üben mit ihm zusammen Wedelhüpfen, Abfahrtshocke, den richtigen Stock- und Kanteneinsatz. Wir laufen auf der Stelle, um unsere Kondition zu verbessern, und machen beim Rumpfdrehen und –beugen mit, denn beim Schleppliftfahren will vor allem die richtige Bügelhaltung gelernt sein.

Letzte Woche gab es genau viereinhalb Minuten nach Beginn der Sendung einen Stromausfall. Meine Tochter und ich stiessen beim Wedelhüpfen aneinander, meine Frau trat dem Hund auf den Schwanz, der nach ihr schnappte uns dabei ihren Fuss so verletzte, dass sie zwei Wochen Trainingsausfall hatte.

 

Als dieses Jahr der erste Schnee fiel, überlegten wir uns ernsthaft, uns nun Schi zu kaufen und das Erlernte in die Praxis umzusetzen.

Schliesslich entschieden wir uns dagegen. Meine Frau wollte nicht riskieren, Tonis samstäglichen Unterricht zu verpassen, und erleichtert willigte ich ein.

„Nächstes Jahr dann aber sicher!“, sagte meine Frau.

Das sagt sie schon seit zwei Jahren, und dafür liebe ich sie. 

 

Aus dem Programm "Wem der Kater muskelt"

Lebenseinstellung
 

Wandern, predigten unsere Eltern uns immer, ist sehr gesund.

Sie waren überhaupt auf dem Gesundheitstrip, und während andere Kinder auf dem Berg Cervelats grillen durften, gab es für uns als Wanderproviant ein Stück geräucherten Tofu, dazu einige Rettichsprossen, und anstatt Rivella tranken wir biologisch-dynamischen Grüntee aus einer Thermosflasche aus nachhaltiger ökologischer Produktion. Süssigkeiten gab es nicht, allerhöchstens eine getrocknete Birne, sofern sie von einem Bio-Bauernhof aus der Umgebung stammte.

Wandern war die einzige Freizeitbeschäftigung, welche die Eltern uns zugestanden, sofern wir von zu Hause aus starteten und weder öffentliche Verkehrsmittel und ganz sicher kein Auto benutzten. Jedes Verkehrsmittel, sagte Vater, und auch bei noch so guter Auslastung, hinterlässt einen beachtlichen ökologischen Fussabdruck.

Es versteht sich von selbst, dass unsere Wanderschuhe nur aus Leder von Tieren aus einheimischer Zucht hergestellt sein durften und die Schnürsenkel aus ungebleichten Flachsfasern gedreht waren.

Unsere Wanderunterwäsche war aus reiner, naturbelassener Schafwolle hergesellt und roch streng, so wie auch unsere Alltags­unterwäsche, weshalb in der Schule niemand neben uns sitzen wollte.

Als ich sechzehn war, warfen mich meine Eltern hinaus, weil sie in meinem Wanderrucksack einen Schokoriegel gefunden hatten, den ich heimlich von meinem Taschengeld gekauft hatte.

Heute stelle ich Power-Wanderriegel mit Zutaten aus Fernost und Südamerika her, und wenn ich in die Berge will, fahre ich mit dem Auto.

Allein.

 

Aus dem Programm "Endstation Edelweiss"

Das Krankenhaus
 

Liebster Reto!

 

Erinnerst du dich noch an den Tag, als wir uns in der Notaufnahme begegnet sind?

Wird es dir immer noch schlecht, wenn dir jemand Blut abnimmt?

Hast du in dieser Nacht so oft an mich gedacht wie ich an dich?

Hast du gemeint, das enge Gefühl in deiner Brust sei ein beginnender Herzinfarkt?

Hat es dich überrascht, als es wirklich so war?

Hast du erkannt, dass die Pflegerin, die dir während der Operation die Hand gehalten hat, ich war?

Warst du erstaunt, als du mich morgens an deinem Bett gesehen hast?

Oder gar überwältigt?

Dachtest du in diesem Moment, jeder Herzinfarkt der Welt sei es wert, wenn ich dafür nur wieder an deinem Bett stehen würde?

Was wirst du empfinden, wenn du feststellst, dass ich deine Herztabletten gegen Tic-Tacs ausgetauscht habe?

 

Deine Erika

 

Aus dem Programm "PS: Ich find' dich gut."

Spielenachmittag
 

Am Samstag spielen wir immer „Hund ärgere dich nicht“.

Wir verwenden verschiedenfarbige Hundekekse als Spielsteine. Bei einer Drei wird die Anzahl Hundekekse verdoppelt und bei einer Vier halbiert. Bei einer Fünf wird nochmal gewürfelt.

Wenn wir eine Sechs würfeln, darf unser Hund einen Hundekeks fressen. Wenn wir eine Eins würfeln, muss er aussetzen und wir verfüttern den Hundekeks vor seinen Augen an den Nachbarshund.

Letztes Mal bekam der Nachbarshund alle Hundekekse. Es ist schwer, unserem Hund begreiflich zu machen, dass es, rein statistisch gesehen, beim nächsten Mal ganz anders ausgehen kann. 

 

Aus dem Programm "Komm mit uns nach Spaniel"

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